Wiederladen
9.3 x 53 (R)
8.5 x 63 (R)
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Autor: Jürg Bay

Der Schreibende, selbst Wiederlader, kennt die zweifelnden und oft abschätzigen Bemerkungen der Nicht-Wiederlader auf dem Schiessstand und auf der Jagd. «Was, du stopfst Deine Patronen selbst? – Das kann ja nicht gut gehen!» Diese und ähnliche Bemerkungen rechtfertigen es, auf einige Vorzüge des Wiederladens hinzuweisen. Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich teilweise auf das leider nicht mehr neu aufgelegte Buch «Wiederladen – Ein praktisches Handbuch für Jäger und Schützen» von Dynamit Nobel, 9. Auflage.

Wiederladen spart Kosten

«Meine 7x64 kostet nur halb so viel wie beim Büchsenmacher», sagen die einen. «Wenn alle Kosten für die Ausrüstung und die Verzinsung gerechnet werden, bleibt nichts mehr übrig», sagen die kühlen Rechner. Beide haben recht – nur erstere «ein bisschen mehr». Weshalb das so ist, soll nachfolgend am Beispiel von Büchsenpatronen beschrieben werden, wobei der Einfachheit halber auf die Beschreibung  des Wiederladens von Kurzwaffen- und Schrotpatronen verzichtet wird.

Einen Teil der Aufwendungen für eine Fabrikpatrone, nämlich Lohn- und Betriebskosten sowie die Handelsmarge, fallen beim Wiederlader nicht an. Es dürfte kaum ein Wiederlader für sein Hobby Lohnkosten in Rechnung stellen. Bleibt also die Amortisation der Ausrüstung. Eine einfache Ausrüstung zur Herstellung einer fachgerechten und präzisen Jagd-Laborierung ist  im Fachhandel für ca. 700 Franken zu haben. Der Herstellungspreis für eine selbstgeladene Patrone setzt  sich also zusammen aus den Kosten für Zündhütchen, Treibladungspulver und Geschoss. Hinzu kommen noch die Kosten für die Hülse, wobei diese mehrmals wiedergeladen werden kann, abhängig von Kaliber und Gasdruck bis zu zwanzig Mal. Vergleicht man nun eine von Hand geladene Patrone mit der Fabrikpatrone, wobei beide mit den genau gleichen Komponenten gefertigt wurden, sind  bei Standardpatronen wie beispielsweise 8 x 57 IS, .30-06, 7 x 64 Einsparungen zwischen 40% bis 60% möglich. Weit grössere Einsparungen machen sich dann bei Hochleistungs- und Afrikapatronen im Geldbeutel bemerkbar.

Nach Aufrechnung aller Anschaffungskosten, und selbst mit der Annahme fiktiver Lohnkosten, fällt nach individuell unterschiedlich langer Zeit ein Reingewinn an. Als «Geschäft» lässt sich das schwerlich werten. Vielmehr kommt hier das Wiederlader-Motto zum tragen: « Billiger schiessen – öfter schiessen – besser schiessen ». Damit ist die finanzielle Seite nicht die wichtigste Begründung für das Wiederladen, auch wenn sie bei Laien die geläufigste ist.

Wiederladen verbessert die Präzision und die ballistische Leistung

Zugegeben, diese Behauptung ist provokativ, denn an guten Fabrikpatronen lässt sich nichts verbessern. Diese müssen so konzipiert sein, dass sie bei hoher Eigenpräzision, welche das Ergebnis aufwendiger Forschung und Herstellungsabläufe ist, in möglichst vielen Waffen ihres Kalibers eine gute Präzision ergeben. Jeder Schütze kennt das, wenn eine bestimmte Laborierung in seiner Waffen keine befriedigende Präzision ergibt. Mit einem Wechsel der Laborierung oder des Fabrikats kann dem abgeholfen werden. Hier hat der Wiederlader ganz andere, fast unbegrenzte Möglichkeiten. Vom Wechsel des Geschosses oder der Treibladung über die Veränderung der Ladedichte bis zur speziellen Behandlung der Hülse ist alles anwendbar, um Waffe und Munition aufeinander abzustimmen. Hier liegt der grosse Vorteil, welchen der Wiederlader nutzen kann.

Kritiker verstehen meist unter «Verbessern der ballistischen Leistung» die Erhöhung von Geschwindigkeit und Energie und damit die Erhöhung des Gasdrucks. Der ernsthafte Wiederlader wird sich hüten, den zulässigen Gasdruck zu überschreiten – das ist unter Wiederladern geradezu verpönt. Den Jäger interessiert neben der Präzision vor allem die Ziel- oder Wundballistik. Hier sind Verbesserungen durchaus möglich, zum Beispiel die Schaffung einer eigenen, auf die spezifischen persönlichen Belange abgestimmte Laborierung. Was steht zum Beispiel entgegen, in eine 5.6x50R, welche es nur mit einfachen Teilmantelgeschossen gibt, ein 60 Grain Nosler Partition-Geschoss zu verladen und so die bewährte Patrone universeller zu machen. Oder in eine .416 Remington Magnum das 16.4 Gramm leichte Kegelspitz-Geschoss der RWS-Bündner Patrone 10.3x60R zu verladen, was insbesondere Bündner Jäger interessieren dürfte.

Wiederladen ermöglicht reduzierte Ladungen

Der Wiederlader hat die Möglichkeit, Ladungen «abzubrechen». Das heisst er schiesst mit weit weniger Knall, Rückstoss und Mündungsfeier. Vor allem beim Schuss auf die Scheibe erhöht sich die Lebensdauer von Waffe und Lauf erheblich. Damit steigert sich die Verwendbarkeit der Waffe und der Jäger kann im Revier zwei verschiedene Geschossgewichte mit gleicher Trefferlage führen. Das schwerere Geschoss mit annähernder Maximalleistung für den Schuss auf Schalenwild. Das leichtere Geschoss mit reduzierter Ladung für das Übungs- und Kontrollschiessen sowie für die Jagd auf Kleinwild und Raubzeug.

In der Schiessausbildung von Lernenden sind reduzierte Laborierungen  ein Segen. Sie können sich damit nach und nach an den Rückstoss bei Grosskaliber-Waffen gewöhnen, indem die Ladung stufenweise erhöht wird.

Wiederladen bringt neues Leben in alte Waffen

So manche alte, aber noch funktionsfähige Waffe, für die auf dem Markt keine Munition mehr erhältlich ist, lässt sich mit selbst gefertigter Munition wieder zum Leben erwecken. Es gibt bei uns noch zahlreiche Waffen, wo dies zutrifft, zum Beispiel Drillinge im Kaliber 9.3x53R (Wichser-Patrone) oder 6.5x70R, Repetierer im Kaliber 9.3x57 oder 8x56 Mannlicher Schönauer. Der Wiederlader kann aus den heute erhältlichen Grundhülsen  fast alle alten Hülsen formen, oft sogar in nur einem Arbeitsgang in der Kalibriermatrize. In den meisten Fällen wird die ursprüngliche Patrone durch die besseren Eigenschaften der modernen Komponenten weit übertroffen.

Wiederladen macht bessere Schützen und Jäger

Die Aussage soll beileibe nicht heissen, dass alle nicht wiederladenden Schützen und Jäger schlechter sind. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass die Mehrheit der wiederladenden Schützen und Jäger ein grösseres Verständnis für ballistische Gegebenheiten hat. Der häufige und intensive Umgang mit Waffen und Munition sowie die Beschäftigung mit der Innen- und Aussenballistik führt zwangsläufig zu besseren Kenntnissen beim Schuss, der Treffpunktlage, der Flugbahn und der zielballistischen Auswirkungen. Natürlich kann man sich diese Kenntnisse auch aneignen ohne Wiederlader zu sein. Diese Kenntnisse werden aber zum «muss», wenn man Wiederlader werden will und das ist ein grosser Vorteil.

Nun aber zum Schluss noch dies: Nach all diesen Erklärungen noch ein ganz banaler Grund, sich für das Wiedeladen zu interessieren – Wiederladen macht Spass – und dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.